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Death Courier + support (Athen, 07.04.12)

in Berichte 22.08.2012 17:45
von T.B. • 193 Beiträge



Pt. I: Kleines Hellenic Black Metal Sightseeing


Nur wenige begeistern sich heute für das Herkunftsland eines sehr speziellen, um nicht zu sagen des besten Black Metal Stils, der völlig unabhängig von dem typischen z.B. schwedischen Kram entstand. Aber die meisten Bands sind ja sowieso ziemlich unterbewertet, wenngleich Namen wie ROTTING CHRIST, VARATHRON oder NECROMANTIA derzeit anscheinend - zumindest gemessen an der Re-Release-Zahl + diesen OldSchoolSets usw. - ein kleines Revival erleben.
Nichtsdestotrotz hier ein paar Einblicke meiner Tour durch Athen an der Seite von Nick (IMPURE WORSHIP), ich denke ein paar Interessierte gibt es hier...

Die Jugendszene ist dort fest in anarchistischer/antifaschistischer Hand. Es ist unglaublich, wie viele Graffiti, Poster etc.pp. man von der Antifa sieht. Es ist ebenso überraschend, wie viele Fans der FC St. Pauli dort hat, was jedoch nichts mit Fußball zu tun hat.


So arrangiert sich die Metalszene auch mit dem Anarchistenviertel, was in gewisser Weise Tradition hat. Viele alte Griechen-BM-Bands grüßen in den Alben Leute aus der heimischen Punkszene oder haben als zweites musikalisches Standbein griechischen Punk wie (sehr beliebt) ΑΝΤΙΔΡΑΣΗ oder PANX ROMANA.
http://www.youtube.com/watch?v=Cvfkw1IUTo8&feature=related
http://www.youtube.com/watch?v=Gs7swUYm9e8

Der "harte Kern" der Untergrund-BM-Szene ist nicht groß und umfasst Leute von meist Anfang/Mitte 30 bis Anfang/Mitte 40. Dazu gehören halt EMBRACE OF THORNS, IMPURE WORSHIP, DEAD CONGREGATION (wobei Anastasis ja aus Thessaloniki kommt), von den alten Hasen sind aber z.B. noch Gothmog (zwischen 91 und 93 Sänger von NECROMANTIA) oder Iapetos (UNHOLY ARCHANGEL) sehr aktive Szenegänger. Ebenso ist Kostas von Bowel of Noise dazuzuzählen, aber dazu später mehr.
* Trivia:
Iapetos von UNHOLY ARCHANGEL ist absoluter Antikefreak und klettert in seiner Freizeit gern in und um Athen nachts in irgendwelchen Höhlen rum, wo er u.a. schonmal einen menschlichen Schädel gefunden hat.

Die meisten "Metal-Sightseeing-Orte" liegen nah des Anarcho-Viertels, aber etwas mehr Richtung Stadtmitte. Also da, wo - im Gegensatz zu dem Viertel - nicht alle Läden geschlossen sind.
Für den Liebhaber natürlich eine wichtige Station: Das legendäre Storm Studio, wo viele der Früh-90er-Meisterwerke entstanden, z.B. die erste ROTTING CHRIST. Berühmt für den charmant unterirdischen Sound, geführt von NECROMANTIA/VARATHRON-Leuten und in die Geschichte eingegangen als Entstehungsort so vieler legendärer Produktionen. Ein sehr charakteristisches Merkmal war der künstliche Drum-Sound. Ich zweifelte manchmal, dass es ein Drumcomputer war (zumal fleischliche Drummer in den Credits z.B. bei ROTTING CHRIST verzeichnet sind), und nahm sowas wie ein elektronisches Drumkit an, das Geld und Platz spart, aber der Storm Studio Raum ist so dermaßen klein, dass es 100%ig ein Drumcomputer war.


Direkt 2 Meter links daneben befand sich "Go Underground", ein Metal-Plattenladen, der von den Storm Studios-Leuten betrieben wurde:


Eine Straßenecke weiter: Der ehemalige Sitz des in seiner Spätphase leider zum RipOff-Label verkommenen Unisound (im 1. Stock). Bei Unisound erschienen z.B. "All The Witches Dance" von MORTUARY DRAPE", NECROMANTIA / VARATHRON Split, NERGAL Album, VARATHRONs "Walpurgisnacht" ...


Der letzte aktive, auf BM/DM spezialisierte Plattenladen in Athen ist der Bowel of Noise Shop, betrieben von einem Mitglied der alten Kombo MEDIEVAL DEMON, von denen ich mir gleich mal die CD mitnahm... seltsames Zeug. Der Typ arbeitet teilzeit auch als Wächter an der Akropolis, da konnte ich mir gleich ein paar Insider-Tipps für den Rundgang holen. Nuclear Winter hatte auch mal einen Laden, betreibt Label/Distro heute aber vollzeit von zu Hause aus.




Schnäppchen gab's da übrigens nicht zu finden, die Preise waren eher gesalzen. Auch in normalen (Metal/Rock/Alles-)Plattenläden ist BM ziemlich teuer, weil die Händler - obwohl sie keine Ahnung haben - einfach mal beim Anblick eines BM-Covers davon ausgehen, dass es teuer und selten ist. Vor nicht allzu langer Zeit starb in Athen wohl mal ein BMler an Drogen und, waaaah...
seine Mutter weigerte sich, seinen Kumpels die Platten rauszurücken, weil sie meinte der Metal hätte ihn zu den Drogen gebracht. Aufgekauft hatte sie ein Plattenladenbesitzer für 5 Euro pro LP, waaah...

BM-Konzerte finden in Athen vor allem im "Seven Sins" (sonst eher Gothic Schuppen) und im "un-Club" statt. An diesem Abend gab es aber die großartigen DEATH COURIER im "Polytechneio", benannt nach dem Uni-Gebäude, bei dem 1973 eine Studentenrevolution startete, die von Militär und Polizei niedergeschlagen wurde. Seit 1974 darf per Gesetz das Militär kein Universitätsgelände in Griechenland mehr betreten. Hier ein Bild vom Uni-Gelände, nahe des Nationalmuseums:


Pt. II: DEATH COURIER

aus Patras. Kennt hierzulande keine Sau, haben aber in Hellas szeneintern Legendenstatus. Aktiv vor allem Anfang der 90er. Entgegen der Metalarchives-Behauptung ist die Band aber noch semi-aktiv und spielt von Zeit zu Zeit, aber selten, Gigs. Die Veröffentlichungen sollen jedoch "impossible to get, even in Greece" sein. Stimmt nicht ganz, aber die Discogs-Preise haben es in sich. :-/
Ich kam in das seltene Vergnügen eines DC-Gigs. Der Bassist/Sänger (Gott, war der aalt...) scharrte zwei jüngere Sessionmitglieder um sich. Das Ganze fand im übelsten Anarchistenghetto von Athen statt -> bullenbefreite Zone, selbige sammelten sich alle direkt peripher, und wenn Bullen das Viertel dort betreten, ist es 99%ig sicher, dass die Straßen dann brennen. Was ein realistischer Ausgang des Konzertes hätte sein können, sagte man mir, aber vllt wollte man mir nur Angst machen, hehe...

Der "Club" war eine stillgelegte Fabrikhalle oder sowas, Eintritt musste man keinen zahlen und es waren gut 400 Leute da, 20% Metal, Rest Alternative, Punks usw. Die Szenen sind hier seltsam vermengt. Neben DC spielte zB eine Crustpunk-/Grindband (DEVASTATION OF LIFE) mit dem Drummer von EMBRACE OF THORNS.
Auf die Vermengung bin ich ja schon eingegangen.
Naja, und es ist eh ratsam, "dazuzugehören", also immer wenigstens mit einer kleinen Gruppe von Leuten, die in der Szene bekannt sind, rumzustehen, da die Leute dort ganz gern auf "starting a fight" aus sind. Mir wurde sogar geraten, meine Tattoos zu verstecken... wobei, naja, waren eh alle 'nen Kopp kleiner als ich. hehe

Wo war ich? achja, DEATH COURIER... schweineschweinegeiler old school Death Metal! Heftig, düster, geil! Keine Ahnung wie, aber der "Club" hatte einen arschgeilen Sound, etwa vergleichbar mit dem JAZ in Rostock und dessen "altes Piratenschiff"-Akustik, also klar und doch rostig, aber noch irgendwie heftiger in der Magenkuhle. Uargh.









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zuletzt bearbeitet 22.08.2012 17:47 | nach oben springen


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